NAIKAN

NAIKAN ist ein sanfter Weg der Selbsterkenntnis, der meditative und psychologische Aspekte vereint.
NAIKAN beruht auf der grundlegenden Erkenntnis, dass wir nicht nur unsere äußere, sondern auch unsere innere Welt selbst gestalten und verantworten.

Die NAIKAN-Methode kommt aus Japan und ist frei von religiösen Formen und Inhalten. Das Wort NAIKAN (NAI – Inneres, KAN – Beobachten) bedeutet Innenschau oder Innere Betrachtung. Die klassische Form der NAIKAN-Übung dauert sieben Tage und wurde von Ishin Yoshimoto entwickelt. NAIKAN ist in Japan ein weit verbreitetes Meditationsverfahren. NAIKAN wird in Stille ohne äußere Ablenkung geübt. In geschützter Atmosphäre geben wir uns Zeit und Raum, unsere Lebensgeschichte zu betrachten. Während der Zeit des NAIKAN begegnen wir wichtigen Menschen unseres Lebens erneut, indem wir uns mit den drei NAIKAN-Fragen beschäftigen:

  1. Was hat eine bestimmte Person (z. B. Mutter) für uns getan?
  2. Was habe ich für diese Person getan?
  3. Was habe ich dieser Person für Schwierigkeiten bereitet?
    (Die Frage nach den Schwierigkeiten, die andere Personen uns bereiten, wird nicht betrachtet!)

Das Medium dieses inneren Begegnungsprozesses ist die konkrete Erinnerung von Handlungen in einem klar definierten und vorgegebenen Zeitraum. Ein paar Beispiele: Im Alter von 6-10 Jahren schmierte uns die Mutter ein Pausenbrot. Sie kochte abends Essen, sie wusch unsere Kleidung,... . 

Auf unserem Weg nach Innen sind wir nur in direktem Kontakt mit dem NAIKAN-Leiter. Er sucht uns während unseres Prozesses in regelmäßigen Abständen ( ca. alle 1,5-2h) auf und hört den erinnerten Fakten des vorgegebenen Zeitraums zu und versorgt uns mit Mahlzeiten. Einem nicht-verurteilenden und nicht-wertenden Begleiter gegenüber sich Öffnen zu dürfen, einem der wohlwollend und ohne Zielvorgaben unseren inneren Prozess begleitet, ist für die meisten Naikanübenden schon eine Schlüsselerfahrung und heilend. Die Stille, der Rückzug, die liebevolle Versorgung, der Rahmen der Naikanübung - die 3 Fragen beantwortend gegenüber der definierten Person innerhalb des konkreten Zeitraums, etc. lassen uns wie von selbst voranschreiten. Wie tief wir in die innere Faktenwelt eintauchen, bestimmen wir selbst, in dem wir uns einfach auf Naikan einlassen.

naikanplatz

Der Naikanübungsraum - hinter den schützenden Paravents üben die Praktizierenden Naikan.

Diese besondere Betrachtungsweise der erinnerten Vergangenheit gestützt auf reine rationale Taten und Tatsachen und die konzentrierte, annehmende Begleitung sind die wesentlichen Bestandteile der NAIKAN-Übung. Sie ermöglichen eine tiefe, neue Erfahrung der eigenen Lebenswirklichtkeit, durch deren Intensität sich eine veränderte Sichtweise unserer Lebensgeschichte einstellt. Wir finden uns in den Beziehungen gegenüber wichtigen Menschen wieder und entdecken durch die NAIKAN-Praxis, dass eine neue, heilsamere als die bisher gewohnte Wahrnehmung unsere inneren und äußeren Welt möglich ist. Ohne Therapeuten, ohne reflektierende Gespräche oder Gruppenprozesse lösen sich allmählich unsere alten Muster auf, und eine sanfte Befreiung von Blockaden beginnt. Diese Befreiung vollziehen wir ganz allein! und schaffen durch sie neuen Raum für Liebe, Lebensfreude und Achtung uns selbst und anderen gegenüber.

NAIKAN ist geeignet für Menschen, gleich welchen Alters und Herkunft, die den Sinn ihres Lebens suchen, die die Bedeutung ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen erkennen und sich auf ihre eigene Verantwortung einlassen wollen. Ungeeignet ist NAIKAN für Menschen, die eine Heilslehre oder Religion suchen oder die eine Psychotherapie benötigen. Um NAIKAN zu praktizieren, sind keine besonderen Fähigkeiten oder geistigen Vorbereitungen erforderlich.

Gründe für eine 7-tägige NAIKAN-Auszeit:

  • In Stille das eigene Leben betrachten
  • In Ruhe sich mit seinem Beruf, Partnerschaft, Beziehungen beschäftigen
  • Anstehende Veränderungen, es ist Zeit für etwas Neues, neue Lebensabschnitte,....
  • Aktuelle Probleme, wie Suchtmittelabhängigkeit, Trennung, Tod, Krankheit,...
  • Mir fehlt etwas in meinem Leben; etwas stimmt nicht....

"Der grosse Vorteil von Naikan ist, es macht einfach glücklicher" 

Prof. Akira Ishii

Der Naikanleiter verneigt sich vor und nach dem Gespräch respektvoll und dankbar vor der inneren Arbeit des Praktizierenden.

Voraussetzung für den NAIKAN-Weg sind der Wunsch und die Bereitschaft, in Stille die innere Welt betrachten zu wollen und mit Veränderungen bei sich selbst zu beginnen.

Im Gefängnis hat diese Methode großen Erfolg. Die Strafgefangenen entdeckten etwas für sie Neues: die heilende Kraft der Dankbarkeit. Laut Statistik wird in Japan knapp die Hälfte der Strafgefangenen nach ihrer Entlassung irgendwann wieder straffällig. Doch bei Strafgefangenen, die NAIKAN geübt hatten, war es nur etwa ein Fünftel. Ein Professor für Strafrecht, Prof. Akira Ishii, trug schließlich entscheidend zur Verbreitung von NAIKAN bei. Nach seiner Zählung hatten in den ersten zwanzig Jahren, nachdem die Methode in einigen japanischen Gefängnissen eingeführt worden war, etwa 100.000 Strafgefangene NAIKAN geübt. In Deutschland wird NAIKAN seit 2001 in 11 Haftanstalten v.a. Norddeutschlands angeboten und die Zahlen bezüglich der Rückfälligkeit belegen Ähnliches.

JUJUKINKAI - (wörtlich) die 10 Vorschriften erhalten

JUJUKINKAI ist für naikanübende Personen die notwendige Konsequenz, wenn sie sich spirituell entwickeln wollen.

In jeder religiösen Tradition werden Verhaltensrichtlinien im Sinne eines heilsamen Lebens benannt, und sie lauten überall recht ähnlich. Mit der Jukai- bzw. Tokudo-Zeremonie bekommen wir sie übertragen. Es bringt jedoch nur wenig, wenn man sagt "Du sollst..." oder "Du sollst nicht..." So lange man nur äußere Regeln befolgt, oder sich schuldig fühlt, wenn das nicht gelingt, sind Regeln ein Gefängnis. Erst wenn die eigene Erfahrung ein tiefes Erkennen bewirkt, dass die eigene Lebensqualität und die aller Wesen auf der Erde durch ethisches Handeln steigt, dann machen Regeln Sinn, dann werden sie zum Hilfsmittel.

Wie also bringt man die Theorie in die Praxis? Der japanische Zen-Meister und Jôdo-Shin-Priester Reiunken Shue Usami hat die Naikan-Methodik mit den Jujukinkai-Themen und der Zen-Praxis verbunden: das Jujukinkai-Retreat war geboren. Seit 1986 leitet Usami Roshi in seinem Tempel in Senkobo, Japan, Jujukinkai-Retreats. Jujukinkai bedeutet, folgende Handlungen zu vermeiden:

1.Leben nehmen, töten, zerstören

2.Diebstahl, etwas nehmen was nicht gegeben wurde

3.Unordnung in allen Beziehungen, insbesondere in der Sexualität bringen

4.Lügen, sich nicht an die Wahrheit halten

5.Trunkenheit, Trübung des Geistes, Berauschen

6.Über schlechte Taten anderer sprechen

7.Sich selbst loben und andere verunglimpfen, hochmütig sein

8.Geistige oder materielle Hilfe widerwillig geben

9.Ärger, Zorn, Wut

10.Über die Drei Kostbarkeiten (Buddha, Dharma, Sangha) zu lästern

Jujukinkai ist ein 7 tägiges Schweige-Retreat, man zieht sich in die Stille zurück. Keine Ablenkung im Außen, die ganze Konzentration gilt der Jujukinkai- Übung.Man beginnt im Jujukinkai mit dem 1. Thema "Leben nehmen, töten" und forscht nach Handlungen im eigenen Leben, wo man zerstört und getötet hat. Zuerst untersucht man die Erinnerungen bis zum 6. Lebensjahr, dafür hat man etwa 2 Stunden auf seinem Übungsplatz Zeit. Dann führt man darüber ein Einzelgespräch mit dem Jujukinkai-Leiter/-in, danach geht es weiter mit den Lebensjahren 10-15, 15-20 usw. bis zum heutigen Tag. Danach erforscht man das 2. Thema und so weiter. Wozu soll ich das genau erforschen? Ganz einfach: Nur was ich erkenne, kann ich beeinflussen, aktiv vermindern und vermeiden. Jujukinkai ist eine Auseinandersetzung mit den eigenen unbequemen Seiten. Doch nur, wenn wir unsere Schattenseiten genau kennen, können wir wirklich über unser Handeln frei entscheiden.